Maria und Anna im Himalaja
Sikkim
8 Mai – 28 Mai
Und nun geht es in die Berge! Nach den hitzigen und stinkenden Städten brauchen wir frische Luft und Erholung. Die 2 Wochen Indien haben unserem Körper ganz gut zugesetzt : Durchfall, Müdigkeit und Grossstadtstress. Wir haben uns einen kleinen Zipfel in der nord-östlichen Region Indiens ausgesucht, das Sikkim. Das Gebiet am Fusse des Himalajas ist von der hohen Bergkette des Khangchendzonga, Kanchenjunga in Deutsch, dritthöchster Berg der Welt mit seinen 8598 m, beherrscht. Die Menschen gehören den Volksstämmen der Tibeten und Nepalesen an. Im Westen grenzt es an Nepal, im Norden an China, Tibet und im Osten an Bouthan.
Sikkim war einst ein unabhängiges Königreich. Die offizielle Geschichte beginnt 1642, als drei buddhistische Lamas, die wegen religiösen Zwistigkeiten aus Tibet hierher flohen, sich in der Bergregion niederlassen. Kurz darauf krönten sie den ersten König, Phungtsog Namgyal. Die buddhistische Religion breitete sich aus, es entstanden viele Klöster. Die Hauptstadt des Königreiches war Yuksom (davon hört ihr später noch). Aber wie so oft war dieses neugegründete Reich nur von kurzer Dauer. Die Nachbarländer (China, Nepal) fingen Kriege an und ein grosser Teil des damaligen Reiches musste abgetreten werden. Auch die Engländer mit ihrer kommerziellen Ostindia Kompanie schauten eifersüchtig auf das Königreich, und durch einen Trick wollten sie sich dieser Region bemächtigen : wir bezahlen dem König eine jährliche Rente und das Land ist uns. Das hat aber dem religiösen Staat gar nicht gefallen und er lehnte sich auf. Die Engländer, nach dem Motto, wer nicht hören will muss fühlen, nahmen das Land mit Gewalt in ihre Kolonie auf (1849).
Mit der Rückgabe Indiens an die Inder (1947) entschieden die Sikkimer 1975 in das grosse Land Indien integriert zu werden (oder machten die indische Regierung Druck?) Auf jeden Fall wurde Sikkim der 22. Bundesstaat Indiens. Der letzte König wurde 1963 gekrönt. Die Sikkim Demokratische Front ist heute an der Spitze der Regierung und zählt zu den grössten Verfechtern des Umweltschutzes. Der Bundesstaat wird von der indischen Regierung nach wie vor mit Vorsicht behandelt, einerseits, wegen des Unmuts der sikkischen Minderheit und andererseits, und das ist der Hauptgrund, weil Sikkim nach wie vor als Zankapfel zwischen Indien und China gilt. Soweit zu Geschichte.
Darjeeling
Während in Frankreich über das neue Staatsoberhaupt entschieden wird ( Sonntag den 6. Mai) schlafen wir im Nachtzug von Varanasi nach Siligur. In einem Jeep (denn nur solche Fahrzeuge sind hier angebracht) geht’s in 3 Stunden hoch nach Darjeeling (2134 m). Während der Fahrt stehen wir höllische Ängste aus : kurvenreiche schlechte Strassen, viel Gegenverkehr, dichter Nebel, Platzregen, der die Strassen in Bäche verwandelt, und Blitze und Donner über uns. Vorbei de Hitze, hier ist es kalt und ungemütlich. Wir kreuzen den legendären Bergzug, den Toy Train, der die gleiche Strecke in 9 Stunden zurücklegt : 60 cm wackelige Eisenbahnspur, bei jedem Überkreuzen der Strasse von einem Jeep bedroht, sind wir froh, bei dem Unwetter nicht drin zu sitzen. So kommen wir lebendig und erleichtert im frühen Nachmittag in Darjeeling, der Teestadt der Engländer an.
Wir verbringen dort 4 Tage, denn wir müssen unsere Erlaubnis für das Sikkimgebiet beantragen. Mit jedem Tag wird die Stadt voller, denn auch die Inder haben Recht auf Urlaub. Das Schlimmste sind jedoch die vielen Jeeps , die die Luft verseuchen und mit ihren Hupen Hektik und Krach verursachen. Der kleine Luftkurort der Engländer verwandelt sich in ein Trauma. Die Wasserversorgung, Elektrizität und vor allem die Abfallversorgung sind mangelhaft bzw. inexistent. Alle Hotels funktionieren mit riesigen Wasserbehältern auf dem Dach, die regelmässig aufgefüllt werden müssen, und Otto-Normalverbraucher füllt Kanister an schwach laufenden Quellen per Hand ab und bringt die Kanister mit Schubkarren nach Hause. Müllberge liegen überall in den Gassen und auf den Treppen herum, die Abhänge, dort wo die Teeplantagen anfangen, sind voll von Abfall. Eine Stadt, die ihrem Touristenzustrom überhaupt nicht gewachsen ist. Und es könnte so schön hier sein, denn die Berge, ringsum, die Teeplantagen, die alten englischen Kolonialhäuser, die Treppen und Gassen, die Klöster und Pagoden, all das ist sehr anregend. Wir verbringen unsere Zeit oft im netten Glenarys Cafe, wo es leckeren Kuchen und Wifi (Internetanschluss)gibt, besuchen den Zoo, und das Himalaya Berg Institut gibt uns einen Vorgeschmack auf unsere zukünftigen Bergexpeditionen. (wenn`s auch nicht der Mont Everest ist.) Wir lernen Daniel, eine nette Französin kennen, mit der wir am 11 Mai weiter nördlich in die Berge, nach Pelling fahren. Stellt euch keine netten Bergstrassen vor, nein, hier kann nur ein Jeep die steilen Bergwege bezwingen, bei jeder Kurve droht ein anderer Jeep und die steilen Abhänge sind niemals gesichert. Die Fahrt führt durch die vielen Teeplantagen, die die Region zum 3. grössten TeeLieferant machen. Und es regnet und nebelt immer noch.
In Pelling haben wir dann eine “Gnadenstunde”. Kurz vor Sonnenuntergang erscheint uns plötzlich wie aus einem geöffneten Fenster die herrliche Bergkette des Khangchendzonga, (siehe Photo). Wir sind glücklich, denn es ist seit unserer Ankunft im Sikkim das erste Mal, weil bisher Nebel und Regen jede Aussicht versperrten. Da wollen wir also hin, zumindest ganz nah heran und die Achttausender bewundern! Aber der nächste Morgen ist wieder total verregnet. Wir tuen uns mit 4 anderen Touristen aus aller Welt zusammen, mieten einen Jeep und erkunden die Sehenswürdigkeiten aus dem Jeepfenster : der kleine aber heilige See Khecheopalri, Pilgerort der Buddhisten, einige Wasserfälle und das buddhistische Kloster aus dem 16. Jahrhundert in Yuksom, da wo die 3 Lamas zusammentrafen und das Kloster und später das Reich gründeten.
In dem ganz süssen Bergdorf bleiben wir dann auch, immer noch in Begleitung von Danièle. Hier gilt noch die Sperrstunde, und es ist die Aufgabe zweier Polizisten um Punkt 8 Uhr abend zweimal in eine schrille Pfeife zu blasen. Welch toller Job ! Kurz darauf werden alle Läden und Cafes zugemacht. Nummerierte Bretter werden gewissenhaft vor die Türen gestellt, es bleibt nur noch ein kleines Loch, wo man dann gegen 21 Uhr aus dem Inneren sich herausdrückt. (eine gewisse Toleranzschwelle gibt es, was die Cafes anbelangt)
Am nächsten Tag (Sonntag) scheint die Sonne und unser Frühstück im kleinen Bergcafé ist ein Hit. Es ist Markt heute und Händler stellen hunderte von Schuhen auf Plastikplanen aus und verbringen ihre Zeit, Rechts und Links zusammenzubringen. Andere bieten Berge von gebrauchen Kleidungsstücken an und eine alte Frau verkauft Maulbeeren. Wir sehen auch andere Bergfrauen mit goldenem Nasenschmuck und traditioneller Tracht ihre Einkäufe tätigen und Pläuschchen halten. So haben wir es uns vorgestellt. Und das mit Blick auf die grünen Vorberge und die weissen Gipfel. Die Lust, unseren Treck zu organisieren ist nun da. Wir kaufen auch gleich vor Ort noch ein paar wichtige Dinge, wie Handschuhe, Mützen, Regencape, Wollschal. Meine Wanderschuhe werden gleich gegenüber vom Schuster geklebt und gewichst. Nun bleibt uns nur noch die Auswahl eines “Guides”.
Der neuntägige Dzongri-Goechela-Hochgebirgstrek zum Fusse des Kanchenjunga, 8586 m
Hier in Sikkim kann man Bergtouren nicht alleine machen. Eine Erlaubnis muss von einem Bergführer oder einer Reiseagentur bei den entsprechenden Behörden erfragt werden, und man darf nur in Begleitung, mindestens 2 Touristen, die Berge erklimmen. Unsere Vorstellung ist, diesen Treck “light” zu organisieren, d. h. mit möglichst wenig Personal. Wir hörten von anderen Reisenden, dass für 2 Personen ein Personalaufwand von 5 bis 8 Personen benötigt wird plus Yaks oder Pferde. Der Preis für ein solches Unternehmen liegt dann auch bei 30 bis 50 Euro pro Tag und pro Person. Andererseits ist die Route nur im Anfang mit bewirteten Hütten ausgestattet, danach gibt es nur noch sehr primitive Unterkünfte, Camping, Selbstverpflegung und Aussicht auf Kälte, Schnee oder Regen. Hier im Dorf ist die Kommunikation sehr lebhaft. Wir hören Berichte von den anderen Touristen, die gerade “herunter”gekommen sind, und es scheint tatsächlich nicht so einfach, eine preiswerte und leichte Organisation zu haben. Die Höhenkrankheit scheint für viele ein Übel zu sein, und besser ist es, nicht allein zu sein. So entscheiden wir uns wohl oder übel für eine hiesige Trek-agentur. Das Konzept, das der Verantwortliche, ein junger Typ aus dem Dorf, uns vorstellt (ökologische Sicht, professionelles Vorgehen, Beschäftigung von Leuten aus dem Dorf usw.) überzeugt uns, und wir handeln einen Tagessatz von 35 Dollar pro Tag/Person aus (ca. 52 Euro zu zweit). In zwei Tagen soll es losgehen. Mit Danièle machen wir noch eine letzte Abschiedswanderung am nächsten Tag. In 6 Stunden geht es nach Tachiding, wo es auch ein schönes Kloster gibt.
Dann, am Mittwoch den 16. Mai, ist es endlich so weit. Die ganze Nacht träume ich von Treking und der Regen prasselt unaufhörlich auf die Dächer. Aber um 8 Uhr sind wir bereit, und unser “Staff” ebenfalls. Begleitet von einem Haupt”guide”, einem Guide Assistent, einem Koch und seinem Helfer, und dem Pferdejungen, der sich um die 3 Pferde, samt der 2 Fohlen kümmert, beginnen wir den Aufstieg nach Tsokha, ein Bergdorf, das auf 3050 m liegt. Höhenunterschied : 1270 m. Wunderschöne alte Steinwege führen durch dichte alte Wälder. Noch gibt es Bambus- und Bananenbäume, aber vor allem eine grosse Vielfalt von Rhododendronsträuchern und -bäumen. In allen Farben und Formen können wir diese herrliche Pflanze bewundern : von weiss bis rot, gelb und lila, in allen Farbschattierungen. Es gibt hier 36 verschiedene Arten. Ganze Hänge sind davon bedeckt. Herrlich! Wir kommen an grossen Wasserfällen vorbei und überqueren auf Hängebrücken stürzende Bäche.
Müde aber glücklich kommen wir am Nachmittag in Tsokha an. Hier werden wir uns den folgenden Tag akklimatisieren, aber auch Walderdbeeren pflücken, einen Spaziergang machen und nette Kontakte mit den anderen Treckern schließen. Unvergeßliche Eindrücke : der klare Sternenhimmel in der Nacht und der Blick auf den schneebedeckten Pandim 6691 m morgens um 5 Uhr. Wir werden mit 5-teiligen Menus, Frühstück draußen und abends mit Wärmflaschen verwöhnt. Am dritten, vierten und fünften Tag geht es weiter nach oben. Das Wetter ist immer noch schlecht, nur wenige Sonnenstrahlen und fast keine Aussicht auf die uns umgebenen Sechs- bis 8 Tausender. So Schade ! Nur morgens um 4 Uhr haben wir das Glück auf einem Aussichtspunkt in Dzongri die Kanchenjunga- Bergkette beim Sonnenaufgang zu bewundern. (Photo von uns beiden mit den Mützen).
Die Hütten gleichen mehr Ställen, und wir brauchen schon viel Energie und Lebensfreude, um noch Mut fürs Weitergehen zu haben. Gottseidank sind wir von netten Leuten umgeben, und wir bringen unseren Mitwanderen das Canastaspiel bei. Unser “Guide” entwickelt sich immer mehr zum Taugenichts und Schlafwandler. Er schlägt nichts vor, trifft die falschen Entscheidungen und kümmert sich überhaupt nicht um uns.
Der 6 Tag soll dann der Höhepunkt der Expedition werden : morgens um drei Uhr steigen wir von unserem Camp auf, um auf dem Goechala-Pass endlich die “Wohnstätte des Schnees” ( Kanchenjunga) ganz nah zu sehn. Es hat die ganze Nacht geregnet, beim Aufstieg sehen wir Blitze im Tal und schwere Wolken ziehen schnell auf. Anna fragt den Guide, ob es gefahrlos wäre, in dieser Wetterlage auf 5000 m zu gehen. Antwort : was meinst du? Er hatte weder die Blitze noch die aufsteigenden Wolken beobachtet. Das genügte Anna, um sich für den Abstieg zu entscheiden, denn wir wollen ja auf keinen Fall irgendwie unser Leben riskieren. Die Berge waren tatsächlich alle in Wolken und Nebel und das blieb auch so den ganzen Tag.
Also noch einen Tag bei Kälte und Nässe im Zelt. Wir wollen es am nächsten Morgen noch mal versuchen, die Aussicht zu erhaschen. Also wieder um 3 Uhr morgens aufstehen und den steilen Aufstieg wagen. Diesmal ist das Wetter klarer, aber schon drohen Wolken. Wir kommen am Samiti See vorbei, wo sich die Berge herrlich im blau-türkisfarbenem Wasser wiederspiegeln. Dann weiter, schnell...... Mir bleibt in den letzten 200 m die Luft weg. Noch nie dagewesen. Bei jedem Schritt muss ich japsen, und die Beine wollen mir einfach nicht mehr gehorchen. Anna, durch ihre unglaubliche Motivation, endlich die Bergkette des Dritthöchsten zu sehen, angetrieben, läuft weiter nach oben. Und da ...... fünf Minuten vor dem besagten Ausblick, hüllen Wolken und Nebel alle Berge wie ein Tuch ein. Nichts mehr zu sehen. Welche Enttäuschung !
Geschlagen machen wir den Abstieg. Wir könnten heulen. Unseren Guide scheint dies nicht zu berühren. Er tat auch nichts, um uns dieses Erlebnis zu erlauben. Kein Ansporn, schlechte Entscheidungen, keine Kenntnis von Wetter und Berge. Womit haben wir das verdient? Wir sind wirklich sauer und wollen nur noch so schnell wie möglich nach unten. Das machen wir auch und am gleichen Tag laufen wir bis abends 6 Uhr (d.h. ca 10 Stunden, Pausen abgerechnet) die Berge herunten und überwinden einen Höhenunterschied von 1750 m. Noch ungefähr 6 Stunden Abstieg am nächsten Tag und wir sind wieder gesund, aber unheimlich enttäuscht in Yuksom. Mit dem Verantwortlichen der Agentur versuchen wir, die Geschehnisse der 9 Tage darzustellen, und die Unzulänglichkeiten des Guides aufzuzählen. Obwohl auch die anderen Mitglieder der “Expedition” seine Unfähigkeit, seine mangelnde Motivation und Kenntnisse beobachtet haben, will unser, im Anfang so “professioneller“ und netter Bergagent nichts von einer Entschädigung wissen. Man kann dieses Unternehmen also wirklich nicht empfehlen.
So endet unsere Teckingtour mit einer großen Frustration. Trotzdem werden wir die schönen Momente dieser Bergtour nicht vergessen : die Natur, mächtig und wunderschön, trotz Nebel und Regen, die Bekanntschaften, die wir machten mit wirklich netten Leuten, die herrlichen Bergblumen und die Rohdodendronsträucher, die kurzen aber gewaltigen Blicke auf das Dach der Welt.
Unser nächstes Ziel ist das nordwestliche Himalajagebiet. Nächste Episode folgt.