Indien

Publié le par Maria

Indien, welch unglaubliches Land !

So heisst es in der offiziellen Reklame. Ich finde diesen Ausdruck recht treffend, denn man muss es gesehen und gespürt haben, um es zu glauben. Und selbst dann : Anna und ich kneifen uns gegenseitig, um klarzustellen, dass wir uns wirklich in diesem riesigen Land Indien befinden. Der "Schock", sagen wir besser mal die "Umstellung" war gross und gleich bei der Ankunft spürbar: die grosse Hitze und wider Erwarten trocken, die uns wie ein Föhn auf Stufe 3 entgegenschlägt, als wir aus dem klimatisierten Flughafengebäude herauskommen. 

Dann der Strassenverkehr, obwohl wir hier schon einiges gewöhnt sich. In Delhi ist da etwas  Neues :   die Kühe und der Stallgeruch. Obwohl es die Hauptstadt ist, hat man den Eindruck von Dorf und Ländlichkeit. Denn nicht nur Kühe, die ja alle Vorrechte haben, auch Stiere, Ziegen, Schafe und Hunde, wir sahen sogar Affen, mischen sich unter das Strassenbild. Die Autos scheinen alle aus dem vorigen Jahrhundert zu stammen : alte weisse Taxen, style Peugot 104, gelb-grüne Rickshaws auf 3 Rädern, Fahrrad-rickshaws aus blinkendem Alu und mit einem kleinen Sonnendach und Fahrräder, wie das von Opa, mit breitem Gepäckständer und riesigen Rädern. Ganz zu Schweigen von den uralten Lastautos, die fürchterlich stinken. Sie sind anscheinend wirklich zu alt, um wie die anderen Vehikel auf Gas umgestellt werden zu können. Bisher hatten wir uns an die asiatischen, mehr oder weniger schlitzäugigen Menschen so gewöhnt, das wir sie kaum als anders empfanden. Und nun diese vielen, vielen dunklen grossäugigen Gestalten, ein ganz anderer Menschenschlag!

Die Frauen sind mit bunten Saris oder weiten Stoffkleidern in allen Farbkombination bekleidet. Bei den Männern reicht die Palette vom schicken weissen Kostüm bis zum Lumpensack, oder gar ein einfacher Lendenschurz. Worauf wir uns schon lange einstellen und was sicher wesentlich zum Kulturschock beiträgt, man aber ganz gelassen hinnehmen sollte, denn es gibt keine andere Möglichkeit : ist der Dreck, der Müll. Natürlich vor allem Plastikmüll, der in Tonnen überall lagert. Die Kühe,  die wie die normalen Passanten ihren Tag auf der Strasse verbringen, scheinen sich ja auch nicht daran zu stören. Gelassen stöbern sie darin herum und finden vielleicht etwas Essbares, wer weiss. Ob sie allerdings Milch geben, bezweifle ich. Den weichen Kuhfladen versuchen wir ständig auszuweichen, was aber nicht immer gelingt, und dann heisst es : Sch....on reingetreten. Merde. Nun sind wir seit einer Woche hier, bisher nur in den grossen Städten : Delhi, Agra und Varanasi.  Bei über 40 Grad Hitze kommt die Sehnsucht nach Natur.

Die wird ja auch bald gestillt, denn unsere nächste Etappe sind die Berge, und zwar in einer kleinen Zunge im Nordosten Indiens, das so genannte Sikkim. Aber vorher will ich etwas von der Kultur erzählen, sonst meint ihr nachher wir hätten uns nur mit Kuhfladen und Müll beschäftigt.

In Delhi ist es sehr zeitaufwendig, die Stadt und ihre kulturellen Schätze aufzusuchen. Wir sind entweder auf unsere Füsse angewiesen oder auf einen der tausend Rickshaws, was aber immer handeln bedeutet, denn die angegebenen Preise sind meistens das 5fache. Erst nach 2 Tagen entdecken wir die Metro, die sogar kurz vor unserem Hotel eine Station hat. Das erleichtert die langen Strecken. Trotzdem schaffen wir es, an einem frühen Morgen, gegen 6 Uhr, mit Fahrradtaxe zur Roten Festung zu gelangen. Da sehen wir aus geringer Nähe, was in Delhis Altstadt am frühen Morgen passiert. Es ist teilweise so schrecklich, dass wir kaum hinschauen mögen, geschweige denn irgendwelche Fotos machen. Die Menschen lungern, teilweise halb nackt auf den Strassen rum. Sie haben wohl keine andere Bleibe. Die Strasse ist ein einziger Dreckhaufen, und trotzdem wird die morgendliche Toilette draussen mit einem Eimer Wasser abgehalten. Kaum eine Wohnung oder ein Haus ist in einem “normalen” Zustand, fast alles ist abbruchreif. Wir laufen eher mitten auf der Strasse, denn an den Häuserwänden stehen viele Gestalten, die uns anglotzen und vor denen wir fast etwas Angst haben. Uns ist richtig mulmig zumute. Plötzlich erblicken wir ein Mac Donald. Könnten wir uns da von dem gesehenen Elend etwas erholen ? Wir sind nämlich noch nüchtern. Er hat geschlossen ! Man lädt uns in einen Hindutempel ein, wo gerade eine Zeremonie stattfindet, und wir empfinden eine Erleichterung, denn obwohl es etwas Sektenhaftes hat, fühlen wir uns geborgener als auf der Strasse. Die Sonne ist nun schon da, wenn auch hinter einer dichten Dunstglocke. Endlich um acht Uhr treten in das riesige Gelände der roten Festung ein. Es ist in Bauwerk aus der Herrschaft der Mogholen, aus dem 16. Jahrhundert. Von den Soldaten mit Maschinengewehren, zum Abdruck bereit, lassen wir uns nicht beirren. Die beeindruckende Festungsmauer umschliesst ein Gelände mit einigen Tempel und anderen Gebäuden, aber alles ist recht verlassen und eher enttäuschend. Oder sind es die harten Eindrücke vom frühen Morgen? In Delhi besichtigen wir noch das Nationalmuseum, das uns einen guten Einblick in die indische Kultur gibt. Die Ausstellung von gemalten Miniaturen aus dem und 16. Jahrhundert gefällt uns besonders gut.

Ansonsten machen wir Bekanntschaft mit den verschiedenen Hindugöttern : Brahma, Vishnu, Shiva, Krishna, dem Elefantengott Garuda. Zum ethnologischen “Craft” Museum laufen wir wieder kilometerweit, aber es lohnte sich. In der 13 Millionenstadt Delhi haben wir eher die Ambiente gespürt, als ein richtiges Touristenprogramm durchgeführt. Zum einen hindert die grosse Hitze ein dynamisches Erkunden, zum andern sind die vielen Eindrücke einfach zu gewaltig und schwer zu verdauen. So bleiben wir nur zweieinhalb Tage und am Montag, 30 April, geht es in 3 Stunden Zugfahrt nach Agra.

Hier zieht uns vor allem eins der Weltwunder an : Das Taj Mahal. Scha Jahan, der mogulische Herrscher, errichtete im Jahre 1631, nach dem Tod seiner geliebten Frau Mumtaz Mahal (im Wochenbett ihres 14. Kindes erlegen) diesen wunderbaren, Marmortempel, der in seiner schlichten Schönheit und Grazie keinesgleichen kennt. In seiner anmutigen Symmetrie erleuchtet der halbdurchsichtige Marmor “wie eine Träne auf der Wange der Zeit” (Zitat). Verziert mit tausenden von Halbedelsteine, brauchte man 22 Jahre Bauzeit, 20 000 Arbeiter und viele Spezialisten, teilweise aus Europa, um das Wunderwerk fertigzustellen. Unsere Bewunderung kennt beim Anblick dieses Schmuckstückes der Architektur keine Grenzen.

Im nahgelegenen “Fort” baute Scha Jahan weitere Marmortempel. Diese wurden später 8 Jahre lang sein “goldenes Gefängnis”, denn sein Sohn drückte ihn vom Thron und verbannte ihn dorthin. Zumindest hatte er einen Blick auf das Mausoleum seiner verstorbenen geliebten Frau. Ein kleiner Trost? Wir haben ein nettes Hotel mit einem Innengarten und auch ein kühles Zimmer, wo wir uns von der Hitze (es ist weit über 40 Grad) erholen können.

Wir erleben noch eine Hochzeit nicht weit vom Bazar. Der Bräutigam sitzt auf einem buntgeschmückten Pferd, umgeben von einem grosses Aufgebot von Trommeln und Trompeten. Es macht einen riesigen Krach, denn riesige Metalltrichter verstärken die Fanfaren. Junge Burschen tanzen wild vor dem Bräutigam, der recht unbeteiligt auf dem Pferd sitzt, auch wenn die Hochzeitsgäste ihm reichlich Geld in die Jacke stecken. So zieht der Zug durch das ganze Viertel. Wo die Braut ist, wissen wir nicht. Im Bazar entdecken wir auch ganz schöne Stoff- und Sarigeschäfte aber wir zügeln unsere Kauflust, da wir nicht so viel mit uns rumschleppen wollen.

Wir machen noch einen Tagesausflug in eine Geisterstadt, Fatehpur Sikri. Der erste mogulische Herrscher Akbar hatte hier seinen Hauptsitz von 1571 bis 1585. Nach seinem Tod verfiel aber die Festung mit seinen vielen Moscheen und Palästen, es gab nämlich ein riesiges Wasserproblem.

Nach 3 Tagen geht es dann wieder zurück nach Delhi. Gerade Zeit, um unsere Restgepäck aus dem Metropolis abzuholen, denn unser nächster Zug (Nachtzug) geht um 18 Uhr 30, zu unserem nächsten Ziel : Varanasi, die heilige Stadt am Ganges

Wieder eine Millionenstadt und das merkt man sofort am Bahnhof, denn der hektische Verkehr ist mindestens genauso schlimm wie in Delhi. Aber Varanasi mit seinen gläubigen Pilgern muss man gesehen haben, um einen Einblick in die Welt des hinduistischen Glaubens zu bekommen. Seit 2500 Jahren ist es der Wunsch eines jeden Hindus, im Ganges zu baden, um sich von seinen Sünden zu reinigen und damit der Vollkommenheit näher zu kommen. Wenn er dann noch seine sterblichen Reste dem Fluss beimengen kann, das heisst, seinen Leichnam auf den Stufen, den Ghats, verbrennen kann, ist dies das Optimum in seinem religiösen Leben. Heute scheint die Intensität dieser religiösen Bräuche nur wenig an ihrer Kraft verloren zu haben. Dies konnten wir in den 3 Tagen, die wir hier verbrachten, fühlen und mit eigenen Augen sehen. Unser Hotel liegt am Assi-Ghat, einer der letzten in der ca 5 km langen Reihe der hohen Treppenstufen, die jeweils am oberen Ende mit einem Tempel oder Haus enden und deren letzte Stufen alle im Ganges enden.

Am ersten Abend machen wir eine Bootsfahrt, etwas aufgedrängt von dem Taxifahrer, der uns vom Bahnhof abholte. Er erklärt uns das komplizierte System der Leichenverbrennungen. Die ganz armen Hindus müssen sich mit der elektrischen Verbrennung abtun, wobei die Reichen sich nicht nur die Menge, sondern auch die Qualität des Holzes aussuchen dürfen. Auf den bedeckten Körper, der auf seine Verbrennung wartet, sehen wir nur ganz kurz hin. Wir wohnen zwei Zeremonien bei, die in leicht verschobenem Tempo sich an einem der Hauptghats des Ganges abspielen. Von reichen Indern bezahlt, wird eine Art Altar auf den untersten Stufen aufgebaut. Darauf steht ein Mann inmitten von Kerzen, Kupferkelchen, Gongs und Weihrauchbehältern, bekleidet mit einem eleganten Gewand. Eine gute Stunde lang zelebriert er nun mit der Musik, die aus grossen Lautsprechern tönt, eine für uns unverständliche Abfolge von Gesten und Bewegungen. Je reicher der Mann, der diese Zeremonie in Auftrag gibt, umso mehr Altäre kann er sich erlauben. Es ist sogar eine Art von Wettkampf, der einer will den anderen übertrumpfen. An dem heutigen Abend hat eine Zeremonie fünf Altäre und die gleich daneben sogar sieben. Viele indische, auch einige ausländische Touristen schauen dem ganzen Geschehen entweder von den Treppen aus zu oder, wie wir vom Boot aus. Man bietet Teelichter zum Kauf an, die man dann auf den Ganges aussetzen kann. Das sieht recht romantisch aus, aber für uns, die wir an die Heiligkeit des Flusses nicht glauben, eine unnötige Geste. (Obwohl ich es zwei Tage später doch tat). Da aber die zwei Zeremonien unterschiedliche Musik auf voller Lautstärke haben, ist es für uns Zuschauer nicht gerade leicht, nur einer in konzentrierten Weise zu folgen. Unser Bootsmann, der uns übrigens ganz alleine auf dem Boot liess, weil er Schuhe kaufen musste !!, erklärte uns zum Schluss etwas von 4 Himmelsrichtungen, Glückszahlen und Texten in Sanskrit, die weder er noch wir verstehen können. Ich habe zwei Tage später eine intimere Zeremonie, gleich an “unserem” Ghat verfolgen können. Da habe ich eher verstanden, was es für die Menschen bedeutet, hier an dem heiligen Ort die Familie zu versammeln und die religiösen Gebräuche zu vollziehen. Eine tiefe Gläubigkeit scheint diesen Zeremonien und Waschungen zugrunde zu liegen, denn wie sonst kann man in diesem Gangeswasser zum Bade steigen, sich dort die Zähne putzen, sich waschen, seine Kleider segnen, und viel Geld in die Zeremonien stecken? Der Fluss ist nämlich so schmutzig, so verseucht, dass ich noch nicht mal meinen kleinen Zeh reinstecken würde. Ich erspare euch die Fakten der Wasserqualität, die von Jahrzehnt zu Jahrzehnt schlechter wird. Trotzdem ist es ein Erlebnis für uns gewesen, am Ganges und seinen Ghats das rege Treiben zu beobachten.

Morgens in der Früh wird hier in grossem Rahmen Wäsche gewaschen. Über die Treppenstufen liegen über 50 Hosen , hunderte Meter Bettlaken, und was ein Waschsalon sonst noch in Arbeit hat, zum Trocknen ausgebreitet. Vorher wurden sie jedoch mit viel Schwung auf den flachen Steines im Ganges geschlagen und geschrubbt. Gurus haben kleine Tempel aus Holz und Plastikplanen errichtet, und leben und zelebrieren hier ihre Religion. Wir sahen auch Männer und Frauen, bis auf die Knochen abgemagert, die in sich versunkenen ihren alltäglichen religiösen und menschlichen Dingen nachgehen, sich weder um die Touristen, noch um die anderen Dinge, die sich hier abspielen, kümmern. Gruppen von “modernen” oder soll ich sagen “normalen” Frauen steigen wie selbstverständlich in ihren Saris in den Fluss, waschen sich, und verweilen noch lange diskutierend am Ufer. Den kleinen Kindern, hauptsächlich den Jungs, scheint wohl das Baden die angenehmste Beschäftigung zu sein. Bei der Hitze ist das verständlich. Wie immer ist auch die Tierwelt auf den Ghats reichlich vertreten : Kühe, Büffel, Ziegen und viele Hunde. Dies alles ist schon sehr beeindruckend für uns Europäer und Nicht-Hinduisten. Dazu immer noch die Hitze, und sogar ein heftiger Sturm überrascht uns an einem Abend. Die Stadt selbst bietet auch keine einzige grüne Oase, und ich finde es sehr anstrengend, in diesem wirren, armen und schmutzigen Umfeld länger zu verweilen. Wie machen es nur die armen Inder, hier ständig zu leben? Drei Tage sind also wirklich genug. Den Rest gibt uns die höllische Geisterfahrt mit einem Rickshaw zum 25 km entfernten Bahnhof. Wir kommen, oh Gott sei Dank, lebendig an. Noch eine Prüfung erwartet uns am Bahnhof, denn in den 2 Stunden Wartezeit ist unser Toleranzniveau, was Geruch und Dreck angeht, fast überschritten. Aber da kommt der Zug auch schon und wir fühlen uns total privilegiert, nicht in den vollgepfropften 2. Klasse Abteilen die Nacht zu verbringen (wirklich unvorstellbar!), sondern in unsrem 4er Abteil, Liegewagen, in Begleitung eines netten portugiesischen Pärchens.

Unser nächstes Ziel ist die Gegend im nordöstlichen Teil Indien, zuerst Darjeeling, die Teestadt und dann das “Sikkim”, am Fusse des Himalayas.

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Publié dans maria

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